Plötzlich Prinzessin – Inge Sargents Leben in den Shan-Staaten

Mia Kruska beschäftigt sich in ihrer Bachelorarbeit damit, wie eine Österreicherin Shan-Fürstin wurde und zur Demokratisierung der Shan-Staaten in den 50er Jahre beitrug. Hier gibt sie einen Einblick in die außergewöhnliche Biografie und Selbstwahrnehmung der Betreffenden. 

„[U]nd er hat gesagt ‚Let’s go to Burma‘ und ich habe gesagt ‚Ok, let’s go!‘“[i]
Diese Entscheidung ging Inge Sargent leicht von den Lippen nachdem sie Sao Kya Seng geheiratet hatte, doch dass sie mit diesen Worten auch Shan-Fürstin Hsipaws werden würde, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das erfährt sie erst, als sie und Sao im Hafen von Rangoon einlaufen. „Dann kam die große Überraschung […] und ich die herrliche Shwedagon-Pagode hab‘ leuchten sehen. Überall waren Menschen […], die einen Empfang vorbereiteten. Ich wusste, es muss jemand Wichtiges auf unserem Schiff sein. Da nahm mich Sao beiseite und gestand mir, dass der Empfang uns galt. Ich konnte es gar nicht glauben.“ Und so, ohne die Sprachen zu verstehen, ohne je zuvor in Burma gewesen zu sein, beginnt Inge Sargents neues Leben.

Hintergrund

Im Mai 2016 stieß ich in einem kleinen Antiquariat im thailändischen Städtchen Chiang Rai auf den Roman Twilight over Burma – My Life as a Shan Princess[ii], geschrieben von Inge Sargent. Tatsächlich sprach mich der kitschig anmutende Titel nicht besonders an, doch fühlte ich mich als Buchliebhaberin dazu verpflichtet dem Besitzer ein Exemplar abzukaufen. Wie er mir erzählte, lief sein Laden nicht gut. Ich las den autobiografischen Roman und stellte fest, dass der Inhalt weitaus interessanter war, als der Titel versprach – so interessant, dass Inge Sargent und die Shan-Staaten später Gegenstand meiner Bachelorarbeit mit dem Titel „Zwischen Tradition und Moderne – Inge Sargent im politischen Zeitgeschehen der Shan-Staaten Burmas von 1953 – 1963“ wurden. Ein Jahr nach meiner Buchentdeckung, im September 2017, besuchte ich Inge Sargent in Boulder Colorado, um mit ihr ein narrativ-oral-historyInterview[iii] aufzunehmen. Das daraus entstandene Audiomaterial, das im Zeitraum von drei Tagen und sieben Sitzungen aufgenommen wurde, umfasst mehr als sechs Stunden und wurde im Anschluss transkribiert. Auf diesem Transkript basiert meine Analyse, die sich des methodisch am Vorgehen der qualitativen Sozialforschung und an der grounded theory[iv] bedient.

Der Fokus meiner Arbeit liegt auf Inge Sargents Rolle als Shan-Fürstin im Staat Hsipaw, ihrem Selbstbild dabei und die von ihr und Sao Kya Seng umgesetzten politischen Reformen, weg von einem Feudalsystem hin zu einer Demokratisierung. Hierbei geht es besonders um das Spannungsfeld westlich geprägter Modernisierung und den regionalen Traditionen und wie diese sich zueinander verhalten. Um den kritischen Blick einer subjektiven Empfindung auf vergangene Ereignisse zu schärfen, bediente ich mich der Biografie- und Erinnerungsforschung[v].

Inge Sargents Biografie im Allgemeinen, und insbesondere ihre Position als Shan-Fürstin mit österreichischer Herkunft, sucht ihresgleichen. Ihre Erinnerungen bieten mir einen seltenen und direkten Zugang, da viele der historischen Quellen auf Shan oder Burmesisch verfasst sind und der westlichen Forschung nur schwer zugänglich sind. Mit ihrer Herkunft und ihrer Erziehung nimmt Inge Sargent zwar eine von eurozentristischen Vorstellungen geprägte Perspektive ein, jedoch ermöglicht sie uns auch einmalige und tiefe Einblicke in die Kultur und Geschichte der Shan-Region.

Ihre Geschichte, ihre Motivation

In den 1930er Jahren im österreichischen Lavanttal geboren, war Inges[vi] Kindheit und Jugend vom Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen geprägt. Anfang der 1950er Jahre ermöglichte ihr ein Stipendium das Studium in Boulder Colorado (USA), wo sie ihren zukünftigen Ehemann Sao Kya Seng kennenlernt. Erst nach der Hochzeit und der Ankunft in Rangoon erfährt Inge vom Fürstentitel ihres Mannes und ihren zukünftigen Aufgaben als Fürstin an seiner Seite. Das im Westen ausgebildete Fürstenpaar betritt 1954, mit demokratischen Ideen im Gepäck, die politische Schaubühne Burmas zu einer ereignisreichen Zeit: Noch unter den britischen Besatzern träumen und kämpfen große Teile der Bevölkerung für das Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Im Jahr 1948 wird dieser Traum Realität und die noch junge Union Burma wagt die ersten Schritte Richtung Demokratie. Keine dankbare Aufgabe, vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Forderungen der verschiedenen Akteure des Landes. Als Inge plötzlich Prinzessin wurde, war die Shan-Region noch in über 30 Fürstentümer unterteilt. Eines davon: Hsipaw.

 

Am 7. März 1953 heiraten Sao und Inge in Denver Colorado, hier in westlicher Hochzeitsgarderobe.

 

Inge lernt eigenen Angaben zufolge innerhalb kürzester Zeit Shan und Burmesisch. Maßgebend trägt das Paar zu Veränderungen der Shan-Region bei. Während Sao hauptsächlich politisch aktiv ist, auf regionaler Ebene der Shan und in der überregionalen Politik in Rangoon, kümmert sich Inge um die Belange der Bevölkerung vor Ort. Gemeinsam verbessern sie die medizinische Versorgung, eröffnen eine Entbindungsstation und fördern die Weiterbildung des Personals. Straßen und Brücken werden ausgebaut und die Landwirtschaft mit neuen aus den USA importierten Gerätschaften ausgestattet. Nicht selten steht das Paar mit ihren Reformen zwischen lokaltraditionellen Vorstellungen und westlich geprägten Ideen einer gerechten Moderne:

„Die Shan liebten ihre Pwes (eine Art Volksfest) und das dazugehörige Glücksspiel. Doch sind die Leute sehr arm gewesen. Wir wollten nicht, dass sie ihr ganzes Geld für Glückspiele verschleudern. Doch war es Tradition. Andere Fürsten haben den Gewinn daraus in ihre eigene Tasche gesteckt, wie auch das burmesische Militär. Das kam für uns nicht in Frage, doch verbieten konnten wir die Pwes auch nicht. Also gründeten wir die Hsipaw Saopha Foundation, die den Gewinn in Bildungsstipendien steckte. So konnten wir dem Volk etwas zurückgeben.“

Das Paar strukturiert auch die feudalen Arbeitsverhältnisse um, indem sie ihre Reisfelder den Bauern übereignen und ihnen, unüblicherweise, Gehälter für ihre Arbeit zahlen. Viele im Volk schätzen das Paar und der Fürst wird von ihnen Ludo Saopha – der Prinz des Volkes – genannt. Die initiierten Änderungen stoßen jedoch nicht überall auf Begeisterung. Im Gegenteil: Nachbarfürsten sorgen sich darum, dass ihre Bevölkerung bald dieselbe Behandlung fordern könnten und auch dem Militär missfallen die Entwicklungen.

 

Die East Haw, wie die Residenz des Fürstenpaares genannt wird, kann bis heute besichtigt werden.

 

Doch der eingeschlagene Kurs in Richtung Demokratie ist nicht aufzuhalten. 1959 danken die 36 Shan-Fürsten zu Gunsten eines gewählten Shan-Parlamentes ab. Die Shan treten in diesem Zusammenschluss geeint als Bevölkerung eines Staates auf und gewinnen an Souveränität, als Teil der jungen Union. Durch Saos Bestrebungen gerät das Fürstenpaar jedoch immer mehr ins Fadenkreuz des burmesischen Militärs. Zehn Jahre nach ihrer Ankunft und knapp vierzehn Jahre nach der nationalen Unabhängigkeit, stellt das burmesische Militär 1962 der aufkeimenden Demokratie ein Bein. Unter General Ne Win putscht es gegen die Regierung. Die Ideale der Demokraten schlagen hart auf den Asphalt und werden vom Profil hochgeschnürter Soldatenstiefel zerdrückt. Für Inge ein völlig überraschendes Ereignis. Politisch wichtige Akteure werden im Zuge der Machtübernahme verhaftet, erpresst oder ermordet. Auch Sao wird verschleppt und mutmaßlich umgebracht, während Inge mit ihren beiden Töchtern, unwissend und unter Hauarrest gestellt, auf seine Rückkehr wartet. Ihr werden verschiedenen Versionen seines Verschwindens zugetragen, die sich widersprechen und für noch mehr Verwirrung sorgen, in Inges ohnehin schon belastenden Situation.

„Die Zeit war für mich sehr schlimm! Soweit ich in Erfahrung bringen konnte ist er von Militär gefoltert, vielleicht mit einem Bayonet ermordet und anschließend in den Fluss geworfen worden.“

Die Hoffnung, dass er dennoch leben könnte, hält weiter an – vergebens. Zwei Jahre nach Saos Verschwinden beschließt sie, das Land zu verlassen. Es gelingt ihr und ihren Kindern, mit gefälschten Pässen nach Österreich zu fliehen, in dessen Konservatismus die Alleinerziehende kein neues Zuhause findet. Die dreiköpfige Familie wandert nach Colorado aus. Sie trifft auf Tad, den sie später heiratet. Mit ihm zusammen gründet sie die Hilfsorganisation Burma Lifeline, die sich für Flüchtlinge aus ganz Myanmar einsetzt. Für ihre Arbeit erhält Inge im Jahr 2000 den Human Rights Award der United Nations Association of Boulder County. Bis heute verfolgt sie die aktuellen Entwicklungen im Land und sieht diese kritisch.

„Solange die Verfassung nicht geändert wird und die ethnischen Minderheiten nicht ihre Rechte anerkannt bekommen, habe ich keine Hoffnung. Aung San Suu Kyi ist für mich eine ganzgroße Enttäuschung, da sie sich nicht für die Rechte der Minderheiten einsetzt. Sie hat sich die Realpolitik unter dem Militär wohl leichter vorgestellt.“

 

Eine Abbildung von Inge und Sao im Shan-Staat.

 

Meine Forschungsergebnisse

Die Hauptthese meiner Arbeit ist, dass Inge Sargent sich als Teil eines Modernisierungsprozesses in Richtung demokratischer Staatsform im historischen Kontext der Shan-Staaten versteht. Durch ihre österreichische Herkunft eröffnet Inge Sargent in ihrer Fürstenrolle einen neuen kulturellen Raum zwischen sich selbst und der Shan-Bevölkerung in Hsipaw. Dieser dritte Raum[vii] zeichnet sich durch die Wechselwirkung eines westlich geprägten Modernitätsverständnisses mit bestehenden gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen der Shan aus. In dieser neuen kulturellen Überschneidung müssen sowohl politische und soziale Reformen als auch Inges persönliches Selbstverständnis als Fürstin neu diskutiert und gefunden werden. Der kulturelle Hybriditätsprozess[viii] zwischen der Fürstin und den Shan ist als beidseitig zu verstehen, wobei Inge Sargent durch ihre Heirat an der Spitze der sozialen Hierarchie steht.

Während des Interviews stellt Inge Sargent ihre Beziehung zwischen den Menschen vor Ort als eine dar, die von gegenseitiger Rücksichtnahme und Respekt geprägt war. Da sie sich den Gebräuchen und Traditionen der Shan weitgehend angepasst hat und die Bevölkerung, zumindest im Privaten, der Fürstin genug Raum ließ, die Frau zu sein, die sie ist, wurde ein verständnisvolles Miteinander gewährleistet.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich sowohl die Reformen des Fürstenpaares als auch Inge Sargents Selbstverständnis im Spannungsfeld zwischen bestehenden gesellschaftlichen Strukturen der Menschen vor Ort und den sich am Westen orientierenden Neuerungen bewegten. Das Fürstenpaar schaffte es weitgehend, unter Berücksichtigung lokaler Bedürfnisse den Traditionen gerecht zu werden und dennoch das Feudalsystem zu Gunsten einer Demokratisierung zu demontieren.

 

Im Innern der East Haw werden alte Fotografien und ein paar wenige Erinnerungsstücke ausgestellt.

 

Meine Untersuchungen stellen mit der Bearbeitung Inge Sargents Erinnerungen zwar eine wichtige Perspektive auf die Umbrüche jener Zeit dar, bilden jedoch nicht die Erinnerungen der Shan-Bevölkerung ab. Darum wäre es interessant, sich in einer weiterführenden Betrachtung auch mit der Perspektive der Shan auseinander zu setzen, die Inge Sargents Amtszeit als Zeitzeug*innen miterlebt haben. Ein Vergleich beider Perspektiven würden sich der untersuchte Zeitraum an historischen Sichtweisen verdichten und eventuelle Überschneidungen und Unterschiede deutlich werden, die aus meiner Untersuchung nicht hervorgehen.

Inge Sargents eigene Sichtweise auf das Erlebte unterstreicht, dass beim Aufeinandertreffen der augenscheinlichen Gegensätze von Tradition und Moderne, gegenseitiger Respekt und Verständnis unabdingbar sind. Diese Erkenntnis sollte uns in einer zunehmend globalisierten Welt mit immer größer werdenden kulturellen Überschneidungen stets präsent sein.

 

[i] Soweit nicht anders angegeben, stammen die hier aufgeführten Zitate von Inge Sargent aus den Interviews, die Mia Kruska im September 2017 mit ihr geführt hat.

[ii] Sargent, Inge: Twilight over Burma. My life as a Shan princess. Honolulu: University of Hawaii Press. 1994

[iii] Leavy, Patricia: Oral History. New York 2011, Ritchi, Donald A.: Doing Oral History. New York 2015 und weitere siehe Literarturangaben

[iv] Auswahl der Lektüre siehe Literaturangaben

[v] Ebd.

[vi] als Inge Eberhard geboren. Erst mit ihrer zweiten Heirat nahm sie den Namen Sargent an, weswegen ich im Folgenden nur noch von Inge reden werde.

[vii]Bhabha, Homi K.: The Location of Culture. New York 1994

[viii] Ebd.

 

Unter folgendem Link steht Mia Kruskas Bachelorarbeit zum Download bereit: https://www.miakruska.de/tat/bachelorarbeit/

 

Fotos: Fotos 1, 2: aus Sargent, Inge: Twilight over Burma. My life as a Shan princess. Honolulu: University of Hawaii Press, 1994; Fotos 3, 4, 5: (c) Mia Kruska.

 

Auszug der verwendeten Literatur in der Arbeit:

SARGENT, Inge: Twilight over Burma. My life as a Shan princess. Honolulu: University of Hawaii Press. 1994.

ASSMANN, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit – Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: C.H. Beck. 2006.

BHABHA, Homi K.: The Location of Culture. New York: Routledge. 1994.

LEAVY, Patricia: Oral History. New York and Oxford: Oxford University Press. 2011.

MIETHE, Ingrid: Neue Wege in der Biografieforschung – Der Ansatz der theorieorientierten Fallrekonstruktion. In: Zeitschrift für Qualitative Forschung, Heft 12, 2014, S.163-179.

NGHI HA, Kien: Ethnizität und Migration Reloaded – Kulturelle Identität, Differenz und Hybridität im postkolonialen Diskurs. Berlin: wvb. 2004.

PRZYBORSKI, Aglaja / WOHLRAB-SAHR, Monika: Qualitative Sozialforschung – Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg Verlag. 2014

RITCHIE, Donald A.: Doing Oral History. New York and Oxford: Oxford University Press. 2015.

 

Stimmen der Shan:

SAI AUNG TUN, U: History of the Shan State. From its origins to 1962. Chiang Mai: Silkworm Books. 2009.

SIMMS, Sao Sanda: Great Lords of the Sky: Burma’s Shan Aristocracy. Asian Highlands Perspectives, Volume 48, o.O. 2017

YAWNGHWE, Chao Tzang: The Shan of Burma. Memoirs of a Shan Exile. Pasir Panjang: ISEAS Publishing. 2010.

 

Spielfilm und Dokumentation zum Thema:

Dämmerung über Burma, Sabine Derflinger, Österreich, 2015

Die letzte Mahadevi, Karin Kaper, Deutschland, 2000

 

Mia Kruska kennt Myanmar von mehreren Reisen und Foschungsaufenthalten für ihre Bachelorarbeit. Sie hat ihren B.A. in Geschichte in Leipzig abgeschlossen und studiert derzeit Moderne Süd- und Südostasien-Studien (M.A.) an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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