{"id":359,"date":"2022-06-10T08:46:42","date_gmt":"2022-06-10T06:46:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.myanmarmemo.com\/?p=359"},"modified":"2022-07-10T12:53:55","modified_gmt":"2022-07-10T10:53:55","slug":"auch-hinter-der-grenze-steckt-die-zukunft-fest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.myanmarmemo.com\/en\/2022\/06\/10\/auch-hinter-der-grenze-steckt-die-zukunft-fest\/","title":{"rendered":"Auch hinter der Grenze steckt die Zukunft fest"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der folgende Text ist ein Bericht \u00fcber einen der vielen kaum beachteten Orte entlang der Thai-Myanmar Grenze. Im Zuge meiner Masterarbeit \u00fcber die politische Repr\u00e4sentation der Shan in Myanmar besuchte ich im M\u00e4rz 2022 zusammen mit dem <a href=\"https:\/\/www.shanwomen.org\/\">Shan Womens Action Network<\/a> (SWAN) das Koung Jor Camp, eines von sechs inoffiziellen Gefl\u00fcchtetencamps entlang dieser Grenze. Die Bewohner*innen sind hier zwar sicher vor der milit\u00e4rischen Gewalt der Tatmadaw, aber ethnischer Diskriminierung sind sie nach wie vor ausgesetzt.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist eine Grenze? Allgemein gesprochen ist sie eine Linie, die etwas trennt. Es gibt pers\u00f6nliche Grenzen, politische, administrative, kulturelle Grenzen. Grenzen, die Eigentum markieren, Grenzwerte, die nicht \u00fcberschritten werden d\u00fcrfen. Letztendlich sind Grenzen dazu da, Kategorien zu bilden, die Welt und das Leben einzuteilen. Sie sind sowohl notwendig als auch absurd. Jeder w\u00fcrde mir zustimmen, dass es wichtig ist, seine eigenen wie auch die pers\u00f6nlichen Grenzen anderer zu wahren und zu respektieren. Doch sitzt man Kaffee schl\u00fcrfend in einem bequemen Stuhl mitten auf dem Sch\u00fctzengraben des Thaimilit\u00e4rs, w\u00e4hrend man auf die andere Seite der Grenze \u00fcber Myanmars mit Landminen durchzogene Landschaft blickt, erreicht die gef\u00fchlte Absurdit\u00e4t doch einen gewissen Grenzwert der Geschmacklosigkeit. Tagt\u00e4glich setzen sich Menschen \u00fcber die nicht immer konsequent bewachte Linie hinweg. Die informellen Gesetze, besonders in Grenzst\u00e4dten, sind andere und die Menschen in der Region wachsen damit auf, sich Wege an den Grenzposten vorbei zu suchen.\u00a0 Das geschriebene weicht dem ungeschriebenen Gesetz, in dem der Austausch von Geld oder Gef\u00e4lligkeiten zur augenblicklichen Blindheit der Beamten f\u00fchrt und die Grenze \u00fcberschritten werden kann. Allerdings h\u00e4ngt eine erfolgreiche \u00dcberquerung nicht nur vom Geld, sondern auch von den Kontakten nach Thailand aber auch vom aktuellen politischen Klima ab. War zum Beispiel der Grenz\u00fcbergang Baan Lak Tang an der Thai-Myanmar Grenze vor 2002 noch f\u00fcr den Tourismus und dem wirtschaftlichen Grenzverkehr ge\u00f6ffnet, wurde er auf Grund der milit\u00e4rischen Auseinandersetzung im Shan-Staat geschlossen und ist seitdem nicht mehr ge\u00f6ffnet worden. Auch haben sich die Grenzkontrollen seit dem letzten Milit\u00e4rputsch im Februar 2021 versch\u00e4rft und die thail\u00e4ndische Grenzpolizei geht mit wachsender Gewalt gegen die Gefl\u00fcchteten aus Myanmar vor.<\/p>\n<figure id=\"attachment_362\" aria-describedby=\"caption-attachment-362\" style=\"width: 603px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-362\" src=\"http:\/\/www.myanmarmemo.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Verteilen-der-Essensspenden-Koung-Jor-Camp-2022.jpg\" alt=\"\" width=\"603\" height=\"359\" srcset=\"http:\/\/www.myanmarmemo.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Verteilen-der-Essensspenden-Koung-Jor-Camp-2022.jpg 3769w, http:\/\/www.myanmarmemo.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Verteilen-der-Essensspenden-Koung-Jor-Camp-2022-300x179.jpg 300w, http:\/\/www.myanmarmemo.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Verteilen-der-Essensspenden-Koung-Jor-Camp-2022-768x457.jpg 768w, http:\/\/www.myanmarmemo.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Verteilen-der-Essensspenden-Koung-Jor-Camp-2022-1024x609.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 603px) 100vw, 603px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-362\" class=\"wp-caption-text\">Verteilen der Essensspenden, Koung Jor Camp, 2022<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Im Koung Jor Camp<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eI\u00b4m German\u201c, antworte ich auf die Frage, woher ich komme. \u201eOh Germany, very good country! Supporting Ukraine and takes care about refugees.\u201c Kommentiert der Campvorsteher, zufrieden mit meiner Antwort. Der bereits wei\u00dfhaarige, verschmitzt aussehende Mann dreht sich zu meinen Mitreisenden und zuckt mit dem Kopf erwartungsvoll nach oben. \u201eI\u00b4m from France.\u201c \u201eAlso very good!\u201c Er nickt anerkennend. \u201eAnd you, where are you from?\u201c \u201eI`m from China.\u201c Betretenes Schweigen. Er blickt nerv\u00f6s von rechts nach links auf der Suche nach einer entsprechenden Reaktion. \u201eChina \u2026 not so good but not the worst.\u201c Meine Begleiterinnen und ich wechseln ein wenig belustigte Blicke. Der Campvorsteher wendet sich den 40 Kilo schweren Reiss\u00e4cke zu, die auf die Plane in der Mitte des Versammlungsplatzes abgeworfen und fein s\u00e4uberlich aufgereiht werden. Er ruft verschiedenen Leuten etwas zu, die sofort reagieren. Das Prozedere des Verteilens der Essensspenden beginnt. Als die Reiss\u00e4cke aufgereiht sind, wird jedem Reissack ein Mensch zugeordnet und dahinter platziert. In der prallen Sonne stehen sie da, wartend auf die n\u00e4chsten Anweisungen des Vorstehers. Es wird laut in die Runde gefragt, wer Damenbinden braucht, H\u00e4nde heben sich und rosarote Plastikp\u00e4ckchen werden verteilt. Wie lange stehen die Wartenden jetzt schon in der br\u00fctenden Hitze? Dann werden Fotos gemacht. Die n\u00e4chste Gruppe ist dran. Ein neuer Zyklus beginnt. Selbes Prozedere. Ich drehe mich zu Ying und frage, wof\u00fcr die Fotos sind. \u201eDas ist eine Auflage von den Geldgeber*innen. Das m\u00fcssen wir so machen.&#8221; W\u00e4hrend ich mein unwohles Gef\u00fchl besser einzuordnen versuche und mich frage, ob es wirklich so schwer ist, eine humanere Art der Dokumentation von Essensspenden umzusetzen bei der die Menschen nicht so lange in der prallen Sonne stehen m\u00fcssen, ver\u00e4ndert sich die Stimmung auf einmal schlagartig, da das letzte erl\u00f6sende Foto aufgenommen wurde. Eine Schlange bildet sich vor dem Rest der Spenden, in der freudig gelacht und sich ausgetauscht wird. Weiter vorne werden die Reiss\u00e4cke auf die Motorroller geladen, die bei der Anfahrt gef\u00e4hrlich schwanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Tag zuvor am sp\u00e4ten Nachmittag, waren die Aktivistinnen vom Shan Women\u00b4s Action Network (SWAN) zusammen mit drei Freiwilligen, darunter auch ich, Richtung Koung Jor Camp aufgebrochen. Die Ladefl\u00e4chen der zwei Transporter vollgeladen mit S\u00e4cken von Zwiebeln, Knoblauch, \u00d6l, Linsen, Bohnen, Reis und Masken, finanziert aus einem Notfallfond. Alles gut festgezurrt um auf den kurvigen Stra\u00dfen nicht verloren zu gehen. Das Camp befindet sich direkt an der thail\u00e4ndischen Grenze zu Myanmar im Distrikt Wiang Heng und wird von Menschen bewohnt, die sich der ethnischen Gruppe der Shan zugeh\u00f6rig f\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Herkunftsort ist der Shan-Staat, der in der Hochebene der Shanberge liegt. Er ist einer der weitl\u00e4ufigsten Staaten Myanmars und k\u00f6nnte auch einer der wirtschaftlich profitabelsten sein, w\u00e4re die Situation nicht von einer h\u00f6chst komplexen militarisierten Gemengelage gepr\u00e4gt, welche die Zivilbev\u00f6lkerung in immer wiederkehrenden Fl\u00fcchtlingswellen an der thail\u00e4ndischen Grenze stranden l\u00e4sst. Seitdem steckt die Zukunft vieler an der Grenze von Myanmar zu Thailand fest. Das Leben hier kreist in engen Z\u00fcgen um den Aufenthaltsstatus, von dem ihre gesamte Zukunft abh\u00e4ngt. Besonders seitdem Milit\u00e4rputsch im Februar 2021 ist die Idee nur tempor\u00e4r in Thailand Zuflucht zu suchen, in weite Ferne ger\u00fcckt. F\u00fcr die meisten aus dem Camp ist eine R\u00fcckkehr nicht mehr in Betracht zu ziehen. Die Situation in der Grenzregion ist schon seit Jahrzehnten von den Auswirkungen bewaffneter Konflikte innerhalb des Shan-Staates gepr\u00e4gt und blickt auf eine immer l\u00e4nger werdende und traurige Fluchtgeschichte zur\u00fcck. Mit jedem Jahr, das verstreicht, wird daher eine Heimkehr unwahrscheinlicher. \u201eWir leben hier schon seit 20 Jahren. Es ist nicht leicht, aber was wollen wir nach all den Jahren im Shan-Staat machen? Das Land wurde den Familien genommen, sie haben kein Zuhause, keine Felder, zu denen sie zur\u00fcckkehren k\u00f6nnten\u201c, erz\u00e4hlt mir Sai*, der im Alter von 17 Jahren allein \u00fcber die Grenze gekommen ist. Die Aussicht, erneut von vorne anfangen zu m\u00fcssen und sich ein neues Leben aufzubauen, ist f\u00fcr viele zu ern\u00fcchternd. \u201eIch habe meinen Vater nie kennengelernt, meine Mutter starb, als ich noch klein war. Bevor ich \u00fcber die Grenze kam, mussten wir f\u00fcnfmal vor dem burmesischen Milit\u00e4r fliehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Situation im Shan-Staat ist vom Zwang gepr\u00e4gt. Zwangsumsiedlungen, Zwangsarbeit Zwangsrekrutierung durch die im jeweiligen Gebiet dominierende Armee. In seinem Heimatdorf sei es zu gef\u00e4hrlich geworden, die K\u00e4mpfe zwischen dem burmesischen Milit\u00e4r und der Shan State Army h\u00e4tten sich damals intensiviert. \u201eNachdem das Milit\u00e4r meine Mutter get\u00f6tet hatte, habe ich beschlossen, Novize zu werden, denn ich wusste nicht, wohin und es war f\u00fcr mich die einzige M\u00f6glichkeit, Bildung zu erhalten und die Shansprache zu lernen. Das ist vom burmesischen Milit\u00e4r verboten und steht unter Strafe, aber in Kl\u00f6stern konnte man das damals dennoch.\u201c In der Hoffnung eines Tages die Grenze zu \u00fcberqueren, sparte er eine kleine Summe, die mit dem \u00dcberschreiten dieser aufgebraucht war. \u201eIch kannte niemanden, hatte nur den Kontakt zum M\u00f6nch des Klosters, auf dessen Gel\u00e4nde das Camp steht.\u201c Heute ist er Englischlehrer und unterrichtet die Kinder im Camp, konnte vorher erfolgreich die Highschool an einer thail\u00e4ndischen Staatsschule absolvieren und anschlie\u00dfend ein zweij\u00e4hriges, von Spendengeldern finanziertes, Teacher Training beenden. Sein Aufenthaltsstatus ist gesichert, zumindest f\u00fcr die n\u00e4chsten zehn Jahre. Dann muss er sich erneut bewerben &#8211; das ist teuer und die Vergabe limitiert. \u201eImmerhin habe ich mit meiner Bildung die M\u00f6glichkeit, Geld zu verdienen. Viele hier im Camp haben das nicht.\u201c Die meisten arbeiten als Tagel\u00f6hner auf den umliegenden Feldern. Was vor wenigen Jahren noch verboten war, ist nun geduldet und die Bewohner k\u00f6nnen wenigstens tags\u00fcber das Camp verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nachfrage nach billigen Arbeitskr\u00e4ften wird von der Saison bestimmt. Das ist ein Problem, da die Arbeitssaison nur 100 bis 120 Tage im Jahr umfasst und die Dorfbewohner*innen an den restlichen 240 Tagen nicht wissen, wie sie ihr Leben finanziell bestreiten sollen. \u201eWir haben kein Land, auf dem wir selbst im gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfe anbauen k\u00f6nnten. Wir schaffen es zwar, ein wenig Geld zu verdienen, doch das reicht nicht und wir sind abh\u00e4ngig von solchen Notfallspenden.\u201c Der Dorfvorsteher deutet auf unseren leeren Transporter. Im Gegensatz zu vielen anderen aus Myanmar gefl\u00fcchteten Ethnien, verweigert die thail\u00e4ndische Regierung den Shan den offiziellen Gefl\u00fcchtetenstatus. Das wiederum w\u00fcrde jedoch den Prozess erleichtern, das Camp durch die UN als ein offiziell anerkanntes Gefl\u00fcchteten-Camp auszuweisen. \u201eWir wollen gar nicht offiziell als solches anerkannt werden! Wir hatten es bei der Gr\u00fcndung 2002 \u00fcberlegt, da dadurch der Zugang zu NGOs vereinfacht w\u00e4re, aber dann m\u00fcssten wir einen Zaun um unser Dorf ziehen und die staatlichen Kontrollen w\u00fcrden verst\u00e4rkt werden. Wir k\u00f6nnten nicht mehr auf den Feldern arbeiten und w\u00e4ren vollkommen von den NGOs abh\u00e4ngig. Das ist keine Zukunft f\u00fcr uns! Wir sind vor Unterdr\u00fcckung geflohen und w\u00e4ren so erneut vollkommen fremdbestimmt. Die Menschen hier w\u00fcrden anfangen zu trinken.\u201c Erkl\u00e4rt der Campvorsteher weiter.<\/p>\n<figure id=\"attachment_361\" aria-describedby=\"caption-attachment-361\" style=\"width: 584px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-361\" src=\"http:\/\/www.myanmarmemo.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Blick-aus-dem-Camp-in-die-Landschaft-hinter-dem-Berg-beginnt-der-Wa-State-2022.jpeg\" alt=\"\" width=\"584\" height=\"336\" srcset=\"http:\/\/www.myanmarmemo.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Blick-aus-dem-Camp-in-die-Landschaft-hinter-dem-Berg-beginnt-der-Wa-State-2022.jpeg 3941w, http:\/\/www.myanmarmemo.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Blick-aus-dem-Camp-in-die-Landschaft-hinter-dem-Berg-beginnt-der-Wa-State-2022-300x173.jpeg 300w, http:\/\/www.myanmarmemo.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Blick-aus-dem-Camp-in-die-Landschaft-hinter-dem-Berg-beginnt-der-Wa-State-2022-768x442.jpeg 768w, http:\/\/www.myanmarmemo.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Blick-aus-dem-Camp-in-die-Landschaft-hinter-dem-Berg-beginnt-der-Wa-State-2022-1024x589.jpeg 1024w\" sizes=\"(max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-361\" class=\"wp-caption-text\">Blick aus dem Camp in die Landschaft &#8211; hinter dem Berg beginnt der Wa State 2022<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Thailand und die Shan<br \/>\n<\/strong><br \/>\nAllerdings haben sie auch wenig Alternativen zu ihrem Konzept der Campf\u00fchrung, da Thailand zwischen Gefl\u00fcchteten Shan und Asylsuchenden anderer ethnischer Gruppen aus Myanmar unterscheidet und den Shan das ohnehin schwerzug\u00e4ngliche Asyl zus\u00e4tzlich erschwert.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Shan bilden jedoch in Thailand die gr\u00f6\u00dfte migrantische Gruppe aus Myanmar. Die politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zwangen die im Shan-Staat lebende Bev\u00f6lkerung zu einer massiven Einwanderung in das Nachbarland. Allein in der Provinz Chiang Mai bilden sie ein Sechstel der Gesamtbev\u00f6lkerung.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Doch ist die Einwanderung der Shan kein neues Ph\u00e4nomen. Die n\u00f6rdliche Grenzregion wird schon seit Jahrhunderten von einem regen Handelsaustausch zwischen den L\u00e4ndern beeinflusst. Nicht nur Ware wurde von der einen auf die andere Seite gebracht, auch aus Myanmar stammende, meist junge und m\u00e4nnliche Arbeitsmigrant*innen kamen nach Thailand, um ihren Familien in der Heimat Geld zu schicken. Ironischerweise macht es nun gerade die N\u00e4he zur thail\u00e4ndischen Gesellschaft den Shan schwer, als hilfsbed\u00fcrftig angesehen zu werden. Basierend auf dieser Grenzvergangenheit beider L\u00e4nder, sehen sich viele Gefl\u00fcchtete von heute hartn\u00e4ckigen Vorurteilen ausgesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">SWAN verweist auf Verleumdungsversuche der thail\u00e4ndischen Regierung<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, nach denen alle Shan in Thailand Arbeitsmigrant*innen seien und deswegen keinen Anspruch auf humanit\u00e4re Hilfe h\u00e4tten, und kritisiert diese stark<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. \u201eThese are not migrant workers, but asylum seekers who are fleeing persecution and systematic violations of human rights under Burmese military regime\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> hei\u00dft es in einer von SWAN herausgegebenen Brosch\u00fcre. Somit k\u00f6nnte Thailand die Hilfe, die Gefl\u00fcchteten aus Krisengebieten zustehen sollte, mit der Argumentation ignorieren, dass Gastarbeiter*innen keine humanit\u00e4re Unterst\u00fctzung br\u00e4uchten. Auch weitere hartn\u00e4ckige Fehlannahmen<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> halten sich in der thail\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung und erschweren vielen Shan den Zugang zur Gesellschaft. Die Shans sind auch bekannt unter der Bezeichnung Tai oder Dai Jai [\u0e44\u0e17\u0e22\u0e43\u0e2b\u0e0d\u0e48 die gro\u00dfen Thais]. Diese Bezeichnung verdeutlicht die geteilte historische Vergangenheit beider Kulturen. Dar\u00fcber hinaus sprechen die Shan eine Sprache, die dem Thai sehr \u00e4hnelt, so dass die sprachliche Eingew\u00f6hnung eine geringe H\u00fcrde darstellt. Diese Aspekte k\u00f6nnten die Integration vereinfachen, wenn diese niedrigschwelligen kulturellen Zug\u00e4nge von der thail\u00e4ndischen Regierung nicht gegen sie verwendet werden w\u00fcrden. Warum sollte den Shan Unterst\u00fctzung zukommen, wenn sie sich doch so einfach an die thail\u00e4ndische Gesellschaft assimilieren k\u00f6nnten? Hinzu kommt die Bef\u00fcrchtung, dass man mit Gew\u00e4hrung von Asyl eine Masseneinwanderung der Shan Bev\u00f6lkerung ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. Auch haftet den Shan nach wie vor das Stigma an, dass sie Drogen, Kriminalit\u00e4t und Krankheiten nach Thailand bringen w\u00fcrden.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Diese Denkweise hat ihre Wurzeln in der j\u00fcngeren Geschichte beider L\u00e4nder, die in der Tat von Drogengesch\u00e4ften im goldenen Dreieck zwischen Thailand, Myanmar und Laos gepr\u00e4gt ist, was jedoch im Umkehrschluss nicht hei\u00dft, dass alle Menschen aus dem Shan-Staat Drogenh\u00e4ndler und Kriminelle sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie alle ethnischen Gruppen haben auch die Shan keine einheitliche Identit\u00e4t. Das Verst\u00e4ndnis vom Shan-Sein variiert, abh\u00e4ngig von Lebensumst\u00e4nden, Bildung, Geschlecht, Klasse, Wohnort oder Erziehung. Und auch wenn sich viele Fluchterfahrungen \u00e4hneln, gleicht doch keine der anderen. Diese Feststellung m\u00fcndet in der Frage, wie generell mit individuellen Hintergr\u00fcnden, Bed\u00fcrfnissen und Interessen in einer Gesellschaft umgegangen werden soll. Ein gro\u00dfer Teil der ethnischen Bev\u00f6lkerung flieht aus Myanmar, weil sie \u00fcber Jahrzehnten vom burmesischen Milit\u00e4r diskriminiert und verfolgt wurde. \u00dcber den politischen Fl\u00fcgel der SSA-S, das RCSS (Restoration Council of Shan State) hinweg, fordern auch andere ethnische Gruppen eine angemessene politische Repr\u00e4sentation, zu deren angestrebter Umsetzung jedoch unterschiedliche Vorstellungen existieren. Nicht selten fallen dabei die Begriffe <em>F\u00f6deration<\/em> und <em>Demokratie<\/em>. Das macht die Frage nach einem f\u00f6deralen System, f\u00fcr das zumindest ein politischer Fl\u00fcgel der Shan zu k\u00e4mpfen scheint, umso komplexer.<br \/>\nIst diese Frage aber nicht auch global gesehen eine der aktuellen unserer Zeit? Wie sollen Diversit\u00e4t und unterschiedliche Interessen in der Gesellschaft abgebildet werden? Wie sollen diese im politischen Kontext repr\u00e4sentiert sein? Eine menschlich-universale Faustregel scheint auch im Shan-Staat nach wie vor zu gelten: Wo Verlust, Schmerz und Ungerechtigkeit sind, ist Radikalisierung nicht fern. Sind ihre Geschichten doch durchzogen von famili\u00e4ren Trag\u00f6dien, Gewalt, rassistischer und sexueller Diskriminierung und Aussichtslosigkeit. Sowohl die Situation entlang der Grenze wird mit zunehmender Radikalisierung un\u00fcberschaubar, auch die Verh\u00e4ltnisse in Myanmars Zentralregion spitzen sich seit dem Putsch und mit den Neugr\u00fcndungen neuer Milizen immer weiter zu. &#8220;Wir brauchen echte F\u00f6deration und eine echte Demokratie!&#8221; Diesen Satz h\u00f6rte ich bei meinem Besuch besonders oft, doch scheint keiner eine Antwort darauf zu haben, wie dieses Ziel erreicht werden soll oder was unter \u201eecht\u201c zu verstehen ist. Vielleicht wenigstens so \u201eecht\u201c, dass keiner mehr aus Angst um sein Leben illegal die Grenze \u00fcberqueren muss und eine reale Chance f\u00fcr eine bessere Zukunft innerhalb der L\u00e4ndergrenzen Myanmars sieht und ein ungekl\u00e4rter Aufenthaltsstatus nicht mehr als die beste Alternative gilt.<\/p>\n<p>So bleibt die politische Zukunft Myanmars ungewiss, die humanit\u00e4re Lage im Camp weiterhin prek\u00e4r und das Leben der \u00fcber 200 Bewohner*innen steckt weiterhin hinter der thail\u00e4ndischen Grenze fest.<\/p>\n<p>* Name anonymisiert<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> The Shan Women`s Action Network: Shan Refugees: Dispelling the Myths. Chiang Mai 2003, S.4<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Jirattikorn, Amporn: Forever transnational: The ambivalence of return and cross-border activities of the Shan across the Thailand-Myanmar border. In: Singapore Journal of Tropical Geography 38, 2017, S.75<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> The Shan Women`s Action Network: Shan Refugees: Dispelling the Myths. Chiang Mai 2003, S.3-9<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> The Shan Women`s Action Network: Shan Refugees: Dispelling the Myths. Chiang Mai 2003<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> Ebd. S.4<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Ebd.<\/p>\n<p>(c) Fotos: Mia Kruska, 2022<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorry, this entry is only available in German. For the sake of viewer convenience, the content is shown below in the alternative language. 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